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Farbfilm-Entwicklung (C41) ist leichter als Ihr denkt

Hier gehts zu Teil2, Teil3 und Teil4.

Trotz der großen Fortschritte der digitalen Fototechnik ist die analoge Fotografie nicht tot. Ganz im Gegenteil, immer mehr digitale Fotografen möchten auch die Wurzeln der Fotografie kennenlernen. Inzwischen steigen sogar wieder die Preise von vielen gebrauchten analogen Kameras auf den einschlägigen Auktionsseiten.

Wer nun den „Rückschritt“ zum Film gewagt hat, muss irgendwann auch Filme entwickeln. Um diesen Schritt kommt man auch bei einer hybriden Arbeitsweise (analog fotografieren, entwickeln, scannen, digital bearbeiten und ausgeben) nicht umhin. Natürlich nehmen auch heute noch alle Fotolabore (inkl. Drogerieketten etc.) Filme zur Entwicklung entgegen, aber es gibt durchaus Gründe seine Filme selbst entwickeln zu wollen:

Warum selbst (C41) entwickeln

  • Zeit (a.k.a Ungeduld)
    Wer nicht 3-7 Tage auf seine Bilder warten möchte, kann entweder ein ortsansässiges Fachlabor beauftragen (teuer) oder eben selbst entwickeln
  • Qualität
    Auch wenn ich persönlich noch keine Probleme hatte gibt es offensichtlich genug Leute, die mit der Arbeit der Labore unzufrieden sind und lieber alles unter eigener Kontrolle behalten
  • Besondere Verarbeitungswünsche
    Insbesondere bei S/W-Filmen gibt es viele Möglichkeiten des kreativen Entwickelns. Aber auch bei Farbfilmen erfüllen einem die Drogerielabore nicht jeden Wunsch (z.B. Crossentwicklung, Pushen)
  • Spass
    Ich finde es jedes Mal großartig, wenn nach dem entwickeln auf einmal Fotos auf dem Plastikstreifen zum Vorschein kommen.

Einige Leser werden jetzt denken, dass ich vielleicht einen Punkt vergessen habe: den Preis. Nein, dem ist nicht so. Wer nur gelegentlich Filme selbst entwickelt wird keinen nennenswerten Preisvorteil haben – wenn überhaupt. Je nach Anbieter mag die Laborentwicklung sogar günstiger sein.

Farbe (C41) vs. S/W

Wer den Wunsch hegt, selbst Filme zu entwickeln, stösst bei seinen Internetrecherchen häufig zuerst auf folgende Aussage:

S/W kann man problemlos Zuhause machen, Farbe ist viel zu aufwändig / schwierig / teuer“.

Ob das für das Ausbelichten von Papierfotos zutrifft kann ich nicht beurteilen – für die reine Filmentwicklung stimmt es definitiv nicht.

Hauptunterschied Temperatur

5059563481_17130a25a7Der Hauptunterschied in der Verarbeitung zwischen C41 und S/W ist die Prozesstemperatur. S/W wird in der Regel bei Temperaturen um 20° C entwickelt, bei C41 sind es 37,8° C (Original Kodak) bzw. 38° C (Tetenal) +/- ca. 0,3 ° C. Bei der S/W-Entwicklung variieren die Prozesszeiten mit der Temperatur. In der Farbentwicklung ist dies so nicht vorgesehen. Man benötigt daher ein relativ genaues Thermometer und warmes Wasser in der Küchenspüle zum erwärmen der Chemie. Dieses „Problem“ ist also auch Zuhause gut lösbar¹. Die relativ exakt einzuhaltende Temperatur betrifft ausserdem nur das Entwicklungsbad. Beim bleichen, fixieren und stabilisieren dürfen die Abweichungen deutlich größer sein.

Ansonsten unterscheidet sich das Vorgehen zwischen C41 und S/W nicht wirklich. Film aufspulen, Chemie in der richtigen Reihenfolge und für die richtige Zeit drauf, spülen und trocknen lassen – fertig.

Vorteile von C41

Das man zwar die Temperatur etwas genauer im Auge behalten muss „belohnt“ einem C41 mit einigen Vorteilen:

  • C41 ist standardisiert
    Egal von welchem Hersteller der Film ist oder welche Empfindlichkeit er hat – die Arbeitsschritte und Prozesszeiten bleiben die gleichen. Bei der S/W-Entwicklung hingegen muss man für jede Chemie-Film-Temperatur-Kombination die korrekten Zeiten heraussuchen.
  • C41 ist (fast immer) schneller
    Mit der Tetenal Colortec Rapid Chemie z.B. liegt die Gesamtzeit für den C41-Prozess bei ca. 13:25 Minuten. Bei der S/W-Entwicklung sind Prozesszeiten von 25 Minuten und mehr realistisch (abhängig von Film und Chemie, siehe oben)
  • C41 geht für Farbe und S/W
    Ok, das muss ich natürlich relativieren. „Echte“ S/W-Filme entwickelt man natürlich nicht in C41. Aber es gibt inzwischen  S/W-Filme, die speziell zur Verarbeitung in C41 gedacht sind (z.B. Kodak BW400CN und Ilford XP2). Und ja, liebe S/W-Freunde, natürlich ist die Auswahl an Filmen deutlich kleiner 😉

Fazit

Für mich überwiegen die Vorteile von C41 gegenüber S/W. Ich werde meine vorhandene S/W-Chemie natürlich noch aufbrauchen, aber danach auch keine neue mehr anschaffen. Mit der vergleichweise kleinen Auswahl an C41-kompatiblen S/W-Filmen kann ich gut leben. Dafür stehen einem bei C41 eine riesige Auswahl an Farbfilmen zur Verfügung. Und man kann auch die Diafilme aus seiner Lomo gleich zuhause selbst crossen…

Wer schon S/W-Entwicklung macht, wird mit dem Umstieg keine Schwierigkeiten haben. Vermutlich hat man sogar schon alle Utensilien im Haus, die man braucht. Diejenigen, die noch nie einen Film selbst entwickelt haben, können es sehr schnell lernen. So ein bis zwei „Opferfilme“ sollte man einplanen und dann klappt das schon.

In weiteren Artikeln werde ich bald erläutern, was man alles für die Entwicklung Zuhause benötigt und den genauen Ablauf der Entwicklung erklären. Also, stay tuned 🙂


¹ Einige werden nun einwerfen, dass die Temperatur über den gesamten Zeitraum exakt bei 38° liegen muss. Das ist sicher im Kodak-Prozess so vorgesehen, aber nach meiner Erfahrung sind die Abweichungen bei guter Vorwärmung der Dose und Entwicklungszeiten von nur 3:15 Minuten so minimal, dass keine negativen Effekte auftreten. Ausserdem ist der Vorgang analog – es gibt also nicht nur „gelungen“ und „kaputt“, sondern unendlich viele feine Abstufungen dazwischen. Auch 0,5° Abweichung zerstört den Film noch nicht…

 

Fotos © Davide Cassanello & Lis Bokt, Creative Commons by-nc-nd

6 Gedanken zu „Farbfilm-Entwicklung (C41) ist leichter als Ihr denkt“

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